Charme eine Beipackzettels: Stellenanzeigen für Ärztinnen und Ärzte

Ich habe mich in diesem Blog schon einmal Stellenanzeigen in der Gesundheitsbranche gewidmet. Aus aktuellem Anlass möchte ich das heute noch einmal tun, genauer gesagt mich mit Printstellenanzeigen für Ärzte beschäftigen.

Fachkräftemangel bei Humanmedizinern
Bei den Ärzten herrschte laut einem aktuellen Bericht der Arbeitsagentur 2014 Vollbeschäftigung. Weniger als ein Prozent der Humanmediziner waren arbeitslos gemeldet. Der „Fachkräftemangel“, so der Bericht, sei bei Humanmedizinern deutlich zu spüren. So weit, so bekannt, so gut. Dann sollten wir eigentlich in den Stellenanzeigen für Ärzte ein entsprechendes Ringen um das knappe Gut auslesen können. Ein Blick auf die Ausgabe des „Deutschen Ärzteblatts“ vom 11.9.2015 sorgt für einige Überraschungen.

Grüße aus der Bleiwüste
Die Publikation ist mir zufällig von einem Zeitschriftenregal auf der „Zukunft Personal“ in die Hände gefallen. Zunächst überrascht das Volumen. Der Stellenmarkt der Verbandszeitschrift besteht aus satten 80 Seiten. Da sage noch einer, Print sei tot….Formal fällt zunächst der hohe Anteil an Anzeigen auf, die ganz ohne Bilder und/oder strukturierende Zwischenüberschriften auskommen. Die Bleiwüste regiert. Leserfreundlichkeit? Optische Attraktivität? Fehlanzeige. Und natürlich funktioniert die allererste Auswahl bei Printanzeigen über die Optik (bei Online-Stellenanzeigen gibt es bekanntlich eine andere Auswahllogik).

Angebot an Bewerber
Stellenanzeigen über eine halbe Seite im A4-Format versprühen ohne gliedernde Elemente den Charme eines Beipackzettels. Ebenso orientieren sich sehr viele Anzeigen noch am reinen Selektionsgedanken, gerne auch unter der angesichts des leergefegten Talentmarkts für Humanmediziner etwas aus der Zeit gefallenen Zwischenüberschrift „Wir erwarten“. Im Vordergrund stehen die Anforderungskriterien, nicht das Angebot. Jedoch zeigt sich auch bei Stellenanzeigen für Ärzte ein Umdenken. Zwischenüberschriften wie „Unser Angebot“ oder „Wir bieten Ihnen“ zeigen, dass die Krankenhäuser um ihren Ärztenachwuchs ringen. Allerdings finden sich unter der Überschrift jedoch häufig ausschließlich Allgemeinplätze wie ein „engagiertes Team“ oder „interessante Aufgaben“.

Mangelnde Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb
Damit gelingt es kaum, sich gegenüber anderen Ärzte-Arbeitgebern zu differenzieren. Doch einige Arbeitgeber werden hier schon konkreter und bieten etwa „Kinderbetreuung vor Ort“, ein „jährliches individuelles Weiterbildungsbudget“ oder werben mit konkreten Vorzügen der „reizvollen Region“, in der sich der mögliche Arbeitsort befindet. Standortmarketing ist für viele Krankenhäuser wichtig, da sie häufig nicht in den Metropolen liegen. Richtig gruselig wird es in einer Anzeige aus dem Öffentlichen Dienst: „Bitte reichen Sie nur Kopien Ihrer aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen ein (keine Mappen), da diese aus Kostengründen nicht zurückgesendet werden können.“ Candidate Experience sieht anders aus.

Fazit
Die Branche hat zwar begonnen, ihre Stellenanzeigen an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. Im Durchschnitt aber bleibt bei der Qualität der Stellenanzeigen für Ärzte noch sehr viel Luft nach oben. Der vermehrte Einsatz der auch in anderen Branchen üblichen Versatzstücke aus dem Employer Branding-Kommunikationsbaukasten wird das Problem nicht lösen, für mehr Differenzierung im Wettbewerb zu sorgen.

Stellenanzeigen im Gesundheitsmarkt

Wenn es eine Branche gibt, in der der „Fachkräftemangel“ nicht vorrangig in den Verkaufsbroschüren der HR-Dienstleistungsunternehmen stattfindet, dann ist es das Gesundheitswesen. Die Zeitungen sind voll davon, zuletzt ist im Zusammenhang mit der Schweizer Abschottungspolitik gegenüber den dortigen Arbeitsmigranten noch einmal darauf hingewiesen worden, dass Humanmediziner in Deutschland ein knappes Gut sind (FAZ vom 22.2.2014). Ein Blick in die Engpassanalyse der Arbeitsagentur vom Dezember 2013 liefert eindeutige Fakten. Gleich zu Beginn heißt es in der Analyse:

  • „Der Fachkräftemangel bei Humanmedizinern zeigt sich nahezu in allen Bundesländern.“
  • „Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegefachkräfte werden in fast allen Bundesländern gesucht.“
  • „Der Mangel an examinierten Altenpflegefachkräften zeigt sich in allen Bundesländern.“

Stellen im Schnitt 172 Tage vakant
Dazu liefert die Arbeitsagentur passende Zahlen. Bei den Gesundheitsberufen blieben 2013 ausgeschriebene Positionen deutlich länger unbesetzt wie im Durchschnitt aller Berufe:

  • Bei den Humanmedizinern: 172 Tage (+ 106 Prozent)
  • Bei examinierten Krankenpflegern: 117 Tage (+ 40 Prozent)
  • Bei examinierten Altenpflegern: 131 Tage (+ 56 Prozent)

Stellenanzeigen in bewerberorientierten Märkten
Bei den Humanmedizinern kommen derzeit statistisch noch 1,3 Bewerber auf eine offene Stelle (FAZ vom 22.2.1014), das ist sehr dünn, die Wahl haben Arbeitgeber hier nicht mehr. Kurzum: Die Gesundheitsbranche ist ein Talentmarkt, auf dem sich die Arbeitgeber bei den Bewerbern bewerben (müssten). Entsprechend sollten zum Beispiel die veröffentlichten Stellenanzeigen aussehen:

  • leicht zu lesen
  • ansprechend und überzeugend
  • perfekt geschrieben
  • an den Bedürfissen von Bewerbern orientiert

Da wir just ein längeres Stellenanzeigen-Projekt für ein Unternehmen der Branche abgeschlossen haben, sind wir bei der Analyse des Status quo in diesem Markt auf Erstaunliches gestoßen. Hier eine kurze Zusammenfassung.

Struktur? Fehlanzeige
Einer muss sich die Mühe machen, entweder der Leser oder der Schreiber. Gerade in talentorientierten Arbeitsmärkten liegt diese Pflicht bei den Schreibern. Dazu gehört auch eine klare Gliederung des Texts: Stellenanzeigen sollten in eindeutig erkennbare Abschnitte gegliedert sein – mit gefetteten oder sonstwie hervorgehobenen Zwischenüberschriften. Gerade bei Online-Anzeigen können potenzielle Bewerber so schnell die Inhalte scannen und einschätzen, ob sie sich für die Position bewerben möchten. In der Gesundheitsbranche ist diese doch schon mindestens 15 Jahre alte Erkenntnis noch nicht angekommen. Hier sind doch recht oft noch ungegliederte „Bleiwüsten“ zu finden. Ebenfalls häufig zu finden sind „falsche Zuordnungen“, im Unternehmensporträt etwa werden wie in diesem Beispiel dann schon einmal die Weiterbildungsmöglichkeiten untergebracht, die mit der ausgeschriebenen Position verbunden sind. Klar, Struktur macht Arbeit, ebenso wie übrigens sprachliche und stilistische Sorgfalt.

Mangelnde Sorgfalt
Spätestens seit der intensiven und mehrmaligen Lektüre der gesammelten Werke von Hesse/Schrader wissen wir: Arbeitgeber verzeihen keine Nachlässigkeiten, Rechtschreibfehler, grammatikalische oder sonstige sprachliche Ungereimtheiten. Und Bewerber? Darüber machen sich viele Arbeitgeber in der Branche dem Anschein nach nicht allzu große Sorgen. Die Texte in Stellenanzeigen werden offentlichtlich nicht überall sorgfältig lektoriert. Ein paar Kostproben gefällig? Ein Arbeitgeber sucht Pflegepersonal „für die Bereiche OP“ schafft den Artikel ab und nimmt es mit der Groß- und Kleinschreibung nicht ganz so genau. Einem weiteren ist die Leertaste abhanden gekommen und ein dritter aus dem öffentlichen Sektor führt gar das lyrische „Ich“ wieder in die Stellenanzeige ein: „Da ich aus Kostengründen Ihre Unterlagen nicht zurücksende, bitte ich der Bewerbung ausschließlich Kopien beizufügen.“ Das ist ein Hinweis, der durchaus von Herzen kommt und sicher verhindert hat, dass die eine oder andere Approbationsurkunde im Original unwiederbringlich im Schredder gelandet ist. Aber moment mal…Geht es hier nicht um einen Engpass-Arbeitsmarkt? Wenig Talente, viele offene Stellen? Die Arbeitgeber suchen verzweifelt nach Fachkräften? Das führt uns zum nächsten Punkt.

Fehlende Bewerberorientierung und Transparenz
Die eigentliche Überrraschung für mich war, dass etliche Anzeige im Gesundheitsesen völlig auf eine Aufgabenbeschreibung verzichten, wie etwa hier. Klar, ein Assistenzarzt macht eben die Arbeit, die ein Assistenzarztso macht. Aber Unterschiede, Schwerpunkte im Haus, ein besonderes Klima wird es schon geben, oder? Da schlummern doch Differenzierungsmöglichkeiten gegenüber dem Wettbewerb und oft die besten Verkaufsargumente für eine Stelle. „Arbeit“ zu verkaufen ohne über „Arbeit“ zu sprechen kann aus meiner Sicht nicht gut funktionieren, auch wenn Stellenprofile im Gesundheitswesen standardisierter sind als in anderen Branchen. Die Bewerber „abholen“ können Arbeitgeber in Stellenanzeigen nur, wenn sie sie möglichst nah an ihre Aufgabe heranführen. Mit Substantivierungen und Bulletpointlisten klappt das übrigens so mittelprächtig. In- und außerhalb der Gesundheitsbranche gilt nach wie vor: Wer regelmäßig Stellenanzeigen liest, hat am Ende vergessen, dass es in der deutschen Sprache noch Verben gibt, die sich tatsächlich auch verbal nutzen lassen, Entschuldigung, deren Nutzung auch außerhalb von Nominalkonstruktionen erfolgen kann. Wer anstatt eine Aufgabe zu beschreiben, Aufgaben auflistet und in dieser Liste mit vom tätigen Subjekt vollständig befreiten „ung“-Formen aufwartet, verliert die wichtigste Möglichkeit, bei den Leserinnen und Lesern Nähe zu und Identifikation mit dem angebotenen Job aufzubauen. Richtig in Fahrt geraten einige Arbeitgeber bei den Anforderungsprofilen.

Fordern statt Bieten
Natürlich gelten Stellenanzeigen sowohl als Marketing- als auch als Auswahlinstrument.Wir persönlich glauben allerdings zum einen, dass Auswahl hier (wenn überhaupt) ausschließlich über die wirklichkeitsnahe Beschreibung von Aufgaben und Arbeitsumgebung funktioniert, also über die wahrgenommene kulturelle Passung, nicht über die Länge der Wunschlisten. Zudem muss sich in einem bewerberorientierten Markt das Gewicht sehr stark in Richtung „Marketing“ verschieben: Arbeitgeber werben in den Anzeigen um die wenigen Fachkräfte. Schräg wirkt es, wenn Arbeitgeber in dieser Situation Stellenanzeigen vor allem dazu nutzen, um Kandidaten recht detaillierte Anforderungslisten zu präsentieren, aber nicht in gleichem Maße deutlich machen, warum diese sich ausgerechnet auf diese Position bewerben sollen.  Das ist das Gegenteil von Bewerberorientierung, zumal der Anteil von Germanisten oder Klempnermeistern gering sein dürfte, die sich ohne abgeschlossenes Studium der Humanmedizin auf eine Ärztestelle bewerben. Den Platz könnten Unternehmen besser nutzen. Apropos besser nutzen: Ein Blick in den Stellenmarkt beim Deutschen Ärzteblatt zeigt: Auch beim Layout ist in der Branche noch viel Luft nach oben: bilderlose Anzeigen, luftlos mit Text vollstgestopft und lustlos aus dem Grafik-Schnellbaukasten hergestellt bestimmen das Bild.

Fazit
Nach Durchsicht etlicher Anzeigen im Gesundheitswesen müssen wir erstaunt feststellen: Ein Markt mit aus Arbeitgebersicht deutlich ungünstigen Nachfrage-Angebotsverhältnissen leistet sich nach wie vor altbackene, auch im Vergleich zum Durchschnitt in anderen Branchen relativ unprofessionell getextete und nachlässig layoutete  Stellenanzeigen. Hier geht es in vielen Fällen erst einmal darum, den in anderen Branchen mittlerweile üblichen Standard zu erreichen.

 Mehr zu Stellenanzeigen auf dem HR-PR Blog

 

HR-PR Consult bietet unternehmensinterne Workshops zur Optimierung von Stellenanzeigen. Angebot gerne auf Anfrage an: manfred.boecker ( ) hr-pr.de.